Wann Fakten nicht mehr zählen
Die meisten Menschen können eigentlich ganz passabel rechnen. Jedenfalls solange ihnen das Ergebnis gefällt. Geht es um kontroverse Themen, sieht das jedoch anders aus.
Das sind erstmal nur Daten; interessant wird es bei der Interpretation. Welche Aussage trifft zu: »Menschen, die die Creme benutzt haben, zeigten mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Verbesserung als die, die sie nicht benutzt haben« oder »Menschen die die Creme benutzt haben, zeigten mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Verschlechterung als die, die sie nicht benutzt haben«?
Um die Aufgabe zu lösen, braucht es eigentlich nur eine simple Formel:
Sie beschreibt die relative Häufigkeit hn eines Ereignisses A und um sie zu berechnen, muss man nur zwei Zahlen miteinander dividieren: die absolute Häufigkeit Hn des Ereignisses mit der gesamten Anzahl der zu Grunde liegenden Menge. In unserem Fall bedeutet das: Von 298 Personen (223 + 75), die die Creme benutzt haben, zeigten 75 eine Verbesserung. Die relative Häufigkeit beträgt also etwa 0,25 oder 25 Prozent.
Die gleiche Rechnung
liefert 75 relative Häufigkeit für die Verschlechterung. In der
Kontrollgruppe lauten die Zahlen 16,4 Prozent und 83,6 Prozent. Der
Anteil der Menschen, deren Ausschlag besser wurde, ist also dort größer,
wo die Creme verwendet wurde. Zum gleichen Ergebnis kann man auch
kommen, wenn man einfach die Verhältnisse 75 / 223 und 21 / 107
miteinander vergleicht.
Rechenschwäche bei unerwünschten Ergebnissen
Das
wäre natürlich noch keine ausreichende statistische Studie, um über die
Wirksamkeit eines echten Medikaments zu entscheiden. Die Zahlen wurden
aber als Beispiel in einer wissenschaftlichen Arbeit aus Australien zur Erforschung von »motivated numeracy« verwendet. Also der Hypothese, dass Menschen eher richtig rechnen, wenn das zu erwartende Ergebnis ihren Überzeugungen entspricht. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Sieh mich an – Was unser Gesicht verrät
Das Beispiel mit der Hautcreme diente als »neutrale« Kontrolle. Die eigentliche Frage bezog sich auf den Zusammenhang zwischen sinkenden CO2-Emissionen und dem Abschalten von Kohlekraftwerken. Dafür wurden genau die gleichen (fiktiven) Zahlenwerte wie im Hautcreme-Beispiel verwendet, und die Versuchspersonen der Studie wurden nach ihrer Sympathie für zwei politische Parteien ausgewählt: die eher klimafreundlichen Australien Greens und die rechtspopulistische One Nation.
Bei der Frage nach der Interpretation der neutralen Hautcreme-Daten unterschied sich die Anzahl der richtigen oder falschen Antworten bei beiden Gruppen nur wenig. Bei der ideologisch aufgeladeneren Frage zu den CO2-Emissionen zeigte sich dagegen eine starke Polarisierung. Im Fazit der Arbeit schreiben die Autoren: »Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es selbst für Menschen mit großer Rechenkompetenz weniger wichtig sein kann, eine korrekte Antwort zu geben, als eine inkorrekte Antwort von der sie sich wünschen, dass sie richtig wäre.«
Dieses Resultat sollten all jenen zu denken geben, die probieren, die Ansicht von anderen Menschen nur mit dem Hinweis auf Fakten zu ändern. Es sind leider nicht alle bereit, den Daten bedingungslos bis zu ihrem Resultat zu folgen. Echte Überzeugungsarbeit braucht mehr als nur die richtige Formel.
Nota. - Meine Überschrift zitiert einen Abgeordneten der Regierungspartei in der Adenau-erzeit, der es mit diesem Versprecher zu einer kurzzeitigen Berühmtheit gebracht hat. Es ist ja ein verräterischer Satz, und nur durch ihn werden manche Zeiterscheinungen verständ-lich.
Am nötigsten hat das die Hype um die Ganztagsschule. "Pisa hat bewiesen: ...!" Nichts da-von. Derlei hatte es gar nicht untersucht, und stattdessen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sein Materiel zu Fragen der Schulorganisation und der Lehrmethoden nichts aussagt.
Es war auch zu absurd: es würde mehr gelernt, wenn man den Stundenplan auf den Nach-mittag ausdehnte! Am Nachmittag wird nichts hinzugelernt, da ist bei den Schülern wie bei jedermann sonst die Luft raus. Aus keinem andern Grund ist der Nachmittagsunterricht in Preußen seinerzeit abgeschafft worden. Österreich hat eine Generation später nachgezogen. Andere Staaten haben dagegen stets die Segnungen von Kasernierung und Stillesitzen ge-schätzt.
Mit dem Gerücht, bei Nachmittagsunterricht würde mehr gelernt, war auch sehr bald Schluss. Man hört nichts mehr davon. - Stattdessen könne die Schule als Ort sozialen Lernens gar nicht lange genug dauern! Das trommelten die Blätter zur selben Zeit, als sie täglich Horrormeldungen über Mobbing und Gewalt auf den Schulhöfen druckten. Mit dem sozialen Lernen war es also auch nichts.
Mittlerweile wird in der Sache allenfalls noch kleinlaut angeführt, bei Ganztagsunterricht würden Kinder 'mit Migrationshintergrund' besser Deutsch lernen! Kleinlaut aus gutem Grund, denn das Argument dürfen sie nur untereinander verwenden. Stellen sie sich vor, die würden dem deutschcn Wähler sagen: Tut uns leid, eure Kinder müssen künftig auch am Nachmittag in der Schule schmoren, um die Ausländer besser zu integrieren! Übrigens wäre auch das an den Haaren herbeigezogen: empirische Belege gibt es garnicht.
Inzwischen ist es freilich so, dass die Ganztagsschule gar keines sachlichen Arguments mehr bedarf. Sie ist nach jahrzehntelangem Trommelfeuer so selbstverständlich geworden, dass Peter und Paul sie für eine Gebot des gesunden Menschenverstands halten: Wenn alle ande-ren es so machen...!
Wie konnte es aber dahin kommen?
Leute, die keine Kinder haben, sind heute in der Mehrheit, und denen ists egal. Sind viel-leicht die Lehrer die dringendsten Interessenten? Das ist zwiespältig. Darauf, auch nach-mittags unterrichten zu müssen, sind sie selbstverständlich nicht erpicht. Doch dass Kind-heit als Ganzes der Schule zugeordnet und dem partikularisierenden Einfluss der Eltern-häuser entzogen wird, wäre ihnen schon recht - wenn's nämlich Andere tun müssen. Und so kommen die Sozialfuzzis aus den Fachhochschulen ins Geschäft, die sich durch mehr Nähe zu den Lehrern sozial aufgewertet und durch den institutionellen Rahmen persönlich gestärkt fühlen. Und dann kommen noch all die Experten in Hochschule und Verwaltung hinzu, zu deren Mundwerk Plappern ebenso gehört wie zum Handwerk das Klappern.
Das ist schon ne ganze Menge. Es würde aber trotzdem nicht reichen, wenn es einen hör-baren Widerstand gäbe. Doch Vvon wem könnte der kommen? Von den Kindern natürlich, aber die werden ja nicht gefragt; oder richtiger: Wenn sie von Vertetern der Öffentlichkeit gefragt werden, die ja keine Kinder sind, sagen sie, was man hören will, weil sie nicht wie dumme Gören dastehen wollen, die noch nicht wissen, was für sie gut ist.
Und die Eltern? Die sind hin- und hergerissen. Zur Schule sind sie selber gegangen, und dass sie ihren Kindern einen Tort antäten, wenn sie sie auch nachmittags sequestierten, ist ihnen schmerzlich bewusst. Doch dass sich nachmittags Andere "um die Kinder kümmern", käme ihnen schon zupass: der eigenen Berufstätigkeit willen oder auch nur, um Besorgun-gen in Ruhe erledigen zu können und dabei auch noch Geld zu sparen. Sie sind in Verlegen-heit, und darum haben die Herolde der Ganztagsschule bis heute noch keine repräsentative Elternvertretung an die Front schicken können.
Das Reden überlassen sie denen, die an ihrer Berufstätigkeit noch mehr Interesse haben, als sie: der Wirtschaft und deren Hand- und Mundlangern in der OECD.
Die einzigen, die einen wortlosen, aber zähen Widerstand leisten, sind die Stadtkämmerer. Die müssten das alles bezahlen und wissen nicht wie.
JE
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