F. X. Messerschmidt zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
6. Wie ist es nun
möglich, dass das Ich vor allem Handeln voraus eine Erkenntnis der
Handlungsmöglichkeiten habe? Es gehört für diese Handlungsmöglichkeit
ein Positives des Man-/nigfaltigen [sic],
wodurch das Mannigfaltige erst würde; und dass nicht weiter
zerglie-dert werden könne und dass es Grundeigenschaften geben müsse. Das
Gefühl ist eins, es ist Bestimmtheit, Beschränktheit des ganzen Ich,
über die es nicht hinausgehen kann. Es ist die letzte Grenze, es kann
sonach nicht weiter zergliedert und zusammengesetzt werden, das Gefühl
ist schlechthin, was es ist. Das durch das Gefühl Gegebene ist die
Bedingung alles Handelns der Ich, die Sphäre, aber nicht das Objekt.
Die Darstellung des
Gefühls in der Sinnenwelt ist das Fühlbare und wird gesetzt als Mate-rie.
Ich kann keine Materie hervorbringen oder vernichten, ich kann nicht
machen, dass sie mich anders affiziere, als sie es ihrer Natur nach tut.
Entfernen oder annähern kann ich sie wohl. Das Positive soll
Mannigfaltigkeit sein, weil es Gegenstand der Wahl für die Freiheit sein
soll. Es müsste also mannigfaltige Gefühle geben, oder der Trieb müsste
auf mannigfal-tige Art affizierbar sein; welches man auch so ausdrücken
könnte: Es gibt mehrere Triebe im Ich.
Diese Mannigfaltigkeit der Gefühle ist nicht zu deduzieren oder aus einem Höheren abzu-leiten, denn wir stehen hier an der Grenze.
Dieses Mannigfaltige ist mit dem Postulate der Freiheit postuliert.
Hinterher wohl wird dieses Mannigfaltige im Triebe sich zeigen als
Na-turtrieb und wird aus der Natur erklärt werden; aber die Natur wird
selber erst zufolge des Gefühls gesetzt.
Diese
mannigfaltigen Gefühle sind völlig entgegengesetzt und haben nichts
miteinander gemein, es gibt keinen Übergang von einem zum andern. Jedes
Gefühl ist ein bestimmter Zustand des Ich. Sonach wäre das Ich selber
eine Mannigfaltiges; aber wo bliebe dann die Identität des Ich? Das Ich
soll diese Mannigfaltigkeit auf sich be-ziehen, es soll es als sein Mannigfaltiges ansehen, wie ist dies möglich?
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 68f.
Nota I. - Die Gefühle als unmittelbare Gegenstände der Anschauung sind qualitativ, sie haben nichts miteinander gemein und gehen nicht ineinander über. Das Erlebnis, dass alle Gefühle meine sind, ist der Ursprung des empirischen Ich (welches es zu erklären gilt).
Nota II. - Es bleibt die Bizarrerie, dass das, was faktisch elementar ist, in der genetischen Herleitung des Transzendentalphilosophien erst als ein doppelt Vermitteltes vorkommt. Jedes Gefühl ist - sobald ich darauf merke
- ein Zustand des ('ganzen') Ich. Dass 'darauf ge-merkt' wird, ist nun
die Bestimmtheit der idealen Tätigkeit; "Anschauung". Kann ich auf 'Rot, Blau, Süß und Sauer'
so merken, dass es 'mein ganzes Ich bestimmt', so momentan es sei? [...]
1. 9. 16
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